„Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dem Bewerber den roten Teppich auszurollen. Stattdessen muss er in vielen Fällen mit Stacheldraht bewehrte Mauern durchdringen, um nur überhaupt einen Fuß in die Tür zu bekommen.“
Tür zu bekommen.“
Mit diesen Worten verdeutlicht Recruitingexperte Henner Knabenreich die zentrale Schwachstelle vieler Bewerbungsverfahren und beleuchtet die Diskrepanz zwischen häufig gelebter Praxis und erforderlicher strategischer Ausrichtung.
Während sich begehrte Fachkräfte ihren Arbeitgeber aussuchen können, verlaufen Bewerbungsprozesse in vielen Organisationen noch immer schleppend, unpersönlich und schwer zugänglich. In Zeiten des „War for Talents“ ist das aber nicht zielführend, um die besten Talente für sich zu gewinnen. Gefragt sind professionelle Strukturen im Bewerbermanagement – und vor allem eine Candidate Experience, die überzeugt. Hintergrund dafür sind insbesondere die veränderten Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt, die wir im Folgenden genauer betrachten.
Der Wandel vom Arbeitgeber- zum Arbeitnehmermarkt: Die Faktenlage
Der Arbeitsmarkt befindet sich trotz der aktuell bestehenden ökonomischen Flaute in einem historischen Umbruch. Getrieben durch den demografischen Wandel, die fortschreitende Globalisierung und den Wertewandel der jüngeren Generationen vollzieht sich eine tiefgreifende Verschiebung: weg vom Arbeitgeber-, hin zum Arbeitnehmermarkt.
Derzeit sind in Deutschland rund 1,18 Millionen Stellen unbesetzt (IAB-Stellenerhebung, Q1/2025). Im Vergleich dazu lag die Zahl offener Stellen vor etwa 15 Jahren, um 2010, bei knapp 400.000 – damals bereits ein Rekordwert der letzten Dekade, jedoch bei weitem nicht vergleichbar mit den heutigen Dimensionen. Zudem wird Deutschland durch den demografischen Wandel in den kommenden Jahren Millionen Arbeitskräfte verlieren.
Hauptursache hierfür ist der sukzessive Renteneintritt der Babyboomer-Generation (Jahrgänge 1956–1969), die aktuell etwa 30% der Erwerbstätigen stellt. Laut Prognosen des Statistischen Bundesamts wird die Erwerbsbevölkerung bis 2035 um bis zu sieben Millionen Personen schrumpfen. Selbst die optimistischsten Szenarien rechnen mit einem durchschnittlichen Rückgang von mindestens 1.000 Erwerbstätigen pro Werktag über die kommenden zehn Jahre.
Diese Lücke kann von den nachrückenden Generationen nicht geschlossen werden. Hinzu kommt, dass viele junge Menschen flexible Arbeitsmodelle bevorzugen, seltener in Vollzeit arbeiten und weniger Wert auf klassische Karriereleitern legen.
Weitere Aspekte, die die Talentgewinnung beeinflussen, sind die zunehmende Transparenz und Vergleichbarkeit von Arbeitgebern durch Social Media und Bewertungsportale. Bewerber verfügen heute über eine bislang unerreichte Informationsvielfalt und Auswahlmöglichkeiten. Der „War for Talents“ ist längst Realität und wird sich in den kommenden Jahren weiter intensivieren.
Candidate Experience: Vom Luxus zum Muss
Unter den dargestellten Bedingungen reicht es nicht mehr aus, passiv auf Bewerbungen zu warten. Unternehmen sind gefordert, aktiv um Talente zu werben – und dabei wird jeder einzelne Berührungspunkt im Bewerbungsprozess zum entscheidenden Faktor. Die Candidate Experience, also die Gesamterfahrung eines Bewerbers mit einem Unternehmen, entscheidet maßgeblich darüber, ob dieser weiterhin im Prozess bleibt oder abspringt.
Studien belegen eindrücklich die Tragweite dieses Themas: Rund 65% der Bewerber berichten von negativen Erfahrungen im Bewerbungsprozess. Viele davon teilen diese Bewertungen öffentlich, etwa über soziale Netzwerke oder Bewertungsplattformen (Glassdoor, 2023). Darüber hinaus geben 78% der Kandidaten an, dass eine schlechte Bewerbungserfahrung sogar dazu führen kann, dass sie auf Produkte oder Dienstleistungen des Unternehmens verzichten (Talent Board Candidate Experience Research Report, 2022).
Trotz dieser Erkenntnisse spiegelt der Umgang vieler Unternehmen mit Bewerbern noch immer eine Ära wider, in der es deutlich mehr Bewerber als offene Stellen gab – ein Paradigma, das längst überholt ist und dringend einer grundlegenden Neuausrichtung bedarf.
Candidate Experience: Vom Luxus zum Muss
Insbesondere in mittelständischen Unternehmen ist Recruiting häufig eine „Nebenbei-Aufgabe“: Die Geschäftsführung sichtet Bewerbungen zwischen Kundenterminen, das Sekretariat organisiert Bewerbungsgespräche, und die Kommunikation mit Kandidaten erfolgt – wenn überhaupt – ausschließlich per Mail. Personalabteilungen, wie sie in Konzernen existieren, sind im Mittelstand selten vollständig aufgebaut. Oft fehlt es an Zeit, an Struktur und vor allem an einem konsequent bewerberorientierten Prozess.
Dabei sind es gerade mittelständische Unternehmen, die oft hohe Erwartungen an neue Mitarbeiter stellen: Einsatzbereitschaft, kulturelle Passung, Eigenverantwortung – all das soll der oder die Neue mitbringen. Doch was wird im Gegenzug geboten? Häufig ein unklarer Bewerbungsprozess, lange Wartezeiten und fehlende Rückmeldungen.
Gerade junge Menschen sind als „Digital Natives“ die Geschwindigkeit des digitalen Zeitalters gewohnt. Wenn sie in einem Onlineshop etwas bestellen, kommt die Bestellbestätigung sofort, die Versandbestätigung wenige Stunden später und die Ware ist oft am nächsten oder übernächsten Tag bei ihnen. Eine ähnliche Responsivität erwarten sie von potenziellen Arbeitgebern.
Das Ergebnis von schleppender Kandidatenkommunikation: Die Talente springen ab – nicht aus Desinteresse, sondern weil andere Arbeitgeber schneller, wertschätzender und verbindlicher agieren.
Ein professionelles Bewerbermanagement kann hier einen echten Unterschied machen:
- Bewerber fühlen sich durch zeitnahe Rückmeldungen und persönliche Kommunikation wertgeschätzt.
- Führungskräfte werden entlastet, weil sie nur mit passgenauen Kandidaten im Gespräch sind.
- Das Unternehmen wirkt professioneller, da bewusst Wert auf Kommunikation, Geschwindigkeit und Prozessqualität gelegt wird.
Es geht hierbei nicht um Hochglanz-Bewerbungskampagnen. Es geht um Verlässlichkeit, Klarheit und persönliche Ansprache. Werte, die Mittelständler eigentlich in besonderem Maße verkörpern – nur müssen sie sich auch im Bewerbungsprozess widerspiegeln.
Fazit: Der rote Teppich muss zum Standard werden
Der „War for Talents“ ist längst Realität. Unternehmen, die weiterhin in veralteten Strukturen denken, laufen Gefahr, qualifizierte Kandidaten an agilere Wettbewerber zu verlieren.
Denn der Eindruck, den ein Unternehmen bei potenziellen Bewerbern hinterlässt, entsteht nicht erst im Onboarding sondern bereits beim ersten Klick auf die Stellenanzeige.
Ein professionelles Bewerbermanagement und eine überzeugende Candidate Experience sind deshalb keine Kür, sondern betriebswirtschaftlich essenziell. Wer Talente für sich gewinnen möchte, muss ihnen auf Augenhöhe begegnen und den Bewerbungsprozess so gestalten, dass sich Kandidaten willkommen, wertgeschätzt und verstanden fühlen. Andernfalls entstehen unnötige Zugangshürden und Potenziale bleiben ungenutzt.